Stomatherapie: Leben mit einem künstlichen Ausgang

Infolge einer schweren Erkrankung wie Darmkrebs oder Tumoren in den Harnwegen kann es notwendig werden, einen künstlichen Ausgang – ein sogenanntes Stoma – anzulegen. Dies ist erforderlich, wenn die natürlichen Wege für Stuhl und Urin nicht mehr funktionieren oder nach einer Operation geschont werden müssen. Es gibt drei Arten von Stomata: eines für die Harnableitung, eines für den Dünndarm und eines für den Dickdarm.

10 Juni 2026
Stomathérapie : vivre avec une stomie

Für Betroffene ist die Aussicht auf ein Leben mit Stoma oft mit Angst und Schamgefühlen verbunden. Speziell ausgebildete Stomatherapeut*innen helfen ihnen dabei, sich an das neue Leben zu gewöhnen, und unterstützen sie in diesem Prozess. Claudine Kroeber arbeitet als Stomatherapeutin für die Robert-Schuman-Kliniken. Die Stomatherapie sei sehr individuell auf die Anliegen, Sorgen und Bedürfnisse der Patient*innen ausgerichtet, lasse sich aber generell in drei Phasen einteilen, so die Stomatherapeutin. 

„Im Idealfall gibt es bereits im Vorfeld der Operation Gespräche, in denen ich versuche, den Betroffenen ein Stück weit die Angst zu nehmen und sie mental auf die nächsten Schritte vorzubereiten. Außerdem entscheide ich gemeinsam mit den Patient*innen, wo genau das Stoma angebracht werden soll, damit es zum Beispiel nicht in einer Hautfalte liegt oder an einer Stelle, an der die Kleidung enger anliegt.“

Individuelle Hilfe für Betroffene

Ein Stoma wird meist nach schweren Erkrankungen wie Darmkrebs oder Tumoren der Harnwege angelegt, wenn Stuhl oder Urin nicht mehr natürlich ausgeschieden werden können.

Stomatherapeut*innen begleiten Betroffene vor und nach der Operation und helfen ihnen, Ängste abzubauen und den Alltag mit dem künstlichen Ausgang zu meistern.

 

Großes gesellschaftliches Tabuthema

Nach der Operation geht es vor allem darum, den Patient*innen beizubringen, wie die Beutel gewechselt und das Stoma gereinigt werden, damit sie sich zu Hause selbstständig um ihre Hygiene kümmern können, erklärt Claudine Kroeber. 

„Das Reinigen an sich ist sehr unkompliziert und wenig zeitaufwendig. Für viele besteht jedoch eine andere Hemmschwelle: das Stoma zu akzeptieren“, sagt die Therapeutin. „Bei einigen geht das sehr schnell, andere hadern lange und können sich nur langsam an die neue Realität gewöhnen.“ 

Claudine Kroeber weiß jedoch auch: Unfälle sind nicht immer vermeidbar – und auch das muss offen angesprochen werden. „Ausscheidungen sind leider immer noch ein großes gesellschaftliches Tabuthema, weshalb das Thema stark schambesetzt ist.“ 

Es ist wichtig, dass Patient*innen ihre Ängste klar äußern, damit gemeinsam mit dem oder der Stomatherapeut*in Lösungen gefunden werden können. „Ich berate meine Patient*innen in allen Lebensbereichen – sei es Ernährung, Partnerschaft, Arbeit oder Sport. Das Körperbild leidet oft stark, aber es gibt zum Beispiel spezielle Kleidung, die das Stoma verdeckt“, erklärt Frau Kroeber und beschreibt damit die dritte Phase der Stomatherapie: die langfristige Begleitung und Anpassung im Alltag.

Nicht immer endgültig

Ein Stoma kann für die Psyche sehr belastend sein – gerade weil es oft nur ein Teil einer größeren Erkrankung ist. Allerdings ist nicht jedes Stoma dauerhaft notwendig: Häufig kann ein Darmstoma nach einer gewissen Zeit wieder zurückverlegt werden. 

„Das macht es natürlich leichter, das Stoma zu akzeptieren“, sagt Claudine Kroeber. „Die heutigen Systeme sind oft dezent und neutralisieren Gerüche – das hilft vielen Betroffenen enorm, ihren neuen Alltag anzunehmen.“

  • Mit guter Begleitung wird der Alltag mit Stoma leichter
  • Offene Gespräche helfen gegen Scham und Ängste
  • Manche Stomata sind nur vorübergehend nötig

Yves Condé: „Ich bereue die Entscheidung nicht“

Seit rund anderthalb Jahren lebt Yves Condé mit einem künstlichen Darmausgang, nachdem bei ihm 2024 ein Rektumkarzinom diagnostiziert wurde. Anfangs sträubte er sich gegen die Operation – zu groß war die Angst vor dem Leben mit Stoma. „Ich konnte mir das gar nicht vorstellen. Für mich war klar, dass danach alles anders sein würde.“

Schließlich entschied er sich doch für den Eingriff. Es folgte eine schwierige Zeit mit Komplikationen: „Meine Erfahrung ist nicht typisch. Ich hatte viel Pech, mehrere Hernien und andere Probleme.“ Dazu kamen mehrere persönliche Schicksalsschläge. Trotz allem bereut er seine Entscheidung nicht: „Ich würde sie heute wieder genauso treffen.“

„Der Alltag ist ein anderer”

Der erste selbstständige Wechsel des Beutels war für ihn ein Schock. „Rein mechanisch ist es einfach – psychisch ist es die größere Herausforderung.“ Mit therapeutischer Unterstützung hat er gelernt, besser damit umzugehen. „Der Alltag ist heute ein anderer. Es bleibt ein Fremdkörper, aber ich komme deutlich besser zurecht.“

Dennoch gibt es Einschränkungen: Eine neue Partnerschaft kann er sich derzeit noch nicht vorstellen, auch seinen früheren Beruf als Eventplaner übt er nicht mehr aus.

Herausforderungen bleiben einige. „Es ist mir mehrmals passiert, dass der Beutel in der Öffentlichkeit undicht wurde – das ist sehr unangenehm. Aber man muss lernen, damit umzugehen.“ Gleichzeitig betont Yves Condé die Unterstützung, die er erfährt: „Ich habe viel Hilfe von Therapeut*innen und Ärzt*innen bekommen, und meine Kinder geben mir Kraft. Das hilft, diese neue Realität zu akzeptieren.“

 

Yves Condé erhielt 2024 die Diagnose Rektumkarzinom. Seit seiner Operation lebt er mit einem künstlichen Darmausgang und teilt heute seine Erfahrungen.

Yves Condé témoigne à propos de son cancer du rectum

„Rein mechanisch ist es einfach – psychisch ist es die größere Herausforderung. (…) Der Alltag ist heute ein anderer. Es bleibt ein Fremdkörper, aber ich komme deutlich besser zurecht.“

Yves Condé