Elternsein und Krebs: Trotz Herausforderungen leben und lieben

Die Rolle als Mutter oder Vater kann anstrengend sein – besonders für Krebspatient*innen, die auf einmal nicht nur mit den üblichen Herausforderungen zu kämpfen haben, sondern zusätzlich vor ganz neue gestellt werden. Schon die Diagnose oder der erste Verdacht kann eine ganze Lawine von Gefühlen und Sorgen auslösen: Werde ich meine Kinder aufwachsen sehen? Soll ich ihnen von der Erkrankung erzählen? Wie gehe ich das Thema an? Wie kann ich sie einbeziehen und trotzdem so gut wie möglich beschützen?

24 August 2026
Elternschaft und krebs

„Kinder verstehen und fühlen deutlich mehr, als man vielleicht denkt – selbst die ganz Kleinen”, erklärt das Psycholog*innen-Team der Fondation Cancer. „Wenn man ihnen etwas vorenthält, um sie zu schützen, kann das sehr belastend für sie sein, denn sie spüren, dass etwas anders ist, können es aber nicht einschätzen.” Der Fokus sollte daher nicht darauf liegen, ob, sondern wie man mit den Kindern kommuniziert. Sprache und Informationen sollten dem Alter der Kinder angepasst werden, um sie auf das vorzubereiten, was in den nächsten Wochen und Monaten passieren wird: Dass man nicht immer für sie da sein kann, dass man krank ist und deshalb ins Krankenhaus muss, dass die Ärzt*innen aber alles unternehmen, damit es einem schnell wieder besser geht.

Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg

„Ehrlichkeit ist sehr wichtig – die Kinder sollten sich mit ihren Sorgen, Ängsten und Fragen verstanden fühlen”, so die Psycholog*innen. Das stellt Eltern vor die Herausforderung, die Anliegen der Kinder nicht zu bagatellisieren, ohne ihnen jedoch die ganze Komplexität und Schwere der Krankheit aufzubürden. Hier kann es helfen, auf Nachfragen der Kinder zu reagieren, anstatt sie mit Informationen zu überladen.

 

„Wenn man Kindern etwas vorenthält, um sie zu schützen, kann das sehr belastend für sie sein.“

Mit Kindern offen, ehrlich und altersgerecht über Krebs zu sprechen, hilft ihnen, die Situation einzuordnen und vermittelt Sicherheit.

Gerade Themen wie Krankheit und Tod machen oft Erwachsenen mehr Angst als Kindern, da Letztere unbefangener darüber sprechen können – vorausgesetzt, sie erhalten dabei die emotionale Unterstützung der Eltern, die es braucht. Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg.

Viele krebskranke Eltern fühlen sich zudem schuldig, dass sie ihren Kindern keine unbeschwerte Kindheit mehr schenken können. „Von dieser Idee sollte man sich als Elternteil – egal ob krank oder gesund – lieber verabschieden, denn es gibt zu viele Dinge, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen”, raten die Psycholog*innen. 

Vielmehr kann eine Herausforderung wie die Krebserkrankung eines Elternteils auch eine Chance sein, an der Kinder wachsen und resilienter werden können. Anstatt an der Illusion der perfekten Kindheit festzuhalten, ist es ratsamer, die Krankheit als eine Herausforderung zu betrachten, die die Kinder auf ihrem weiteren Lebensweg stärkt.
 

Schuldgefühle sind normal

Niemand kann seinem Kind eine sorgenfreie Kindheit garantieren.

Viele krebskranke Eltern fühlen sich schuldig. Doch niemand, ob krank oder gesund, kann alle Herausforderungen des Lebens von seinen Kindern fernhalten.
 

Schauen, wo es Hilfe gibt und nach dieser fragen

Ähnlich verhält es sich mit dem Irrglauben des perfekten Elternteils. „Kranke Eltern leiden oft unter Schuldgefühlen oder Scham, weil sie glauben, die Krankheit lasse sie in den Augen der Kinder und der Partnerin oder des Partners schwach erscheinen, oder sie könnten ihre Aufgaben nicht mehr vollständig wahrnehmen”, berichtet das Team der Psycholog*innen. Krebs verändert nicht nur die erkrankte Person, sondern den gesamten Alltag und die Aufgabenverteilung der Familie. Anfangs ist es oft schwer, sich daran zu gewöhnen, doch der erste Schritt ist das Eingestehen der eigenen Grenzen. Niemand ist schuld an einer Erkrankung, niemand muss sich dafür rechtfertigen. Auch hier ist Kommunikation das A und O: Gerade als Eltern ist es wichtig, sich abzusprechen und den Alltag so zu strukturieren, dass beide sich nach Kräften einbringen können, ohne überstrapaziert zu werden.

Die Psycholog*innen geben hier einen wichtigen Rat: „Schauen Sie, wo es Hilfe gibt und wie diese genutzt werden kann.” Die Unterstützung kann aus der Familie, dem Freundeskreis, der Nachbarschaft oder von professioneller Seite kommen. Oft merkt man schnell, dass mehr Hilfe und Entlastung vorhanden ist als gedacht – vorausgesetzt, man fragt offen danach.

Hilfe anzunehmen, entlastet Eltern und schafft Stabilität für die ganze Familie

Eltern müssen diese Herausforderung nicht allein bewältigen

Unterstützung aus der Familie, dem Freundeskreis, der Nachbarschaft oder durch Fachpersonen kann den Alltag spürbar entlasten. Entscheidend ist, Hilfe anzunehmen und die eigenen Grenzen anzuerkennen.

Die Elternberatung der Fondation Cancer begleitet Familien dabei, gemeinsam einen Weg im Umgang mit der Erkrankung zu finden.
 

Perfektion macht noch keine guten Eltern

Hat man sich ein Hilfsnetzwerk aufgebaut, fällt es auch leichter, trotz Krankheit gewisse Routinen im Alltag aufrechtzuerhalten. Für Kinder ist es wichtig, dass sich das Leben nicht vollständig verändert, sondern bestimmte Abläufe bestehen bleiben. Als Elternteil, so die Psycholog*innen, ist es wichtig, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Manche Dinge müssen vielleicht für eine gewisse Zeit eingeschränkt werden, doch das bedeutet nicht, dass man als Familie nicht an wichtigen Routinen festhalten kann.

Vor allem geht es darum, die verfügbare Zeit zwischen Alltagsstress und Krankheitsfolgen sinnvoll zu nutzen, um die emotionale Verbindung zwischen Eltern und Kindern zu bewahren. Perfektion schafft keine Nähe oder emotionale Sicherheit – Bindung entsteht durch Momente der Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, des Austauschs und emotionaler Aufrichtigkeit. Es geht darum, für die Kinder da zu sein – nicht ununterbrochen, sondern dann, wenn es zählt.

Gute Eltern sind keine perfekten Eltern, sondern solche, die ehrlich mit Schwächen und Problemen umgehen. Das Gleiche gilt für die Beziehung der Elternteile. Krebs verändert das Leben der Betroffenen – ihre Gefühlswelt, ihre Rolle als Elternteil und Partner*in, die Arbeit, den Alltag. Das ist eine enorme Herausforderung, die viele Familien in einen Ausnahmezustand versetzt. Doch mit dem richtigen Fokus kann es gelingen, Stärken herauszubilden, die sich noch lange nach der Krankheit positiv auf das Familienleben auswirken.
 

Nähe ist wichtiger als Perfektion

Gemeinsame Zeit, Aufmerksamkeit und emotionale Aufrichtigkeit geben Kindern Sicherheit.

Entscheidend ist nicht, immer alles zu schaffen, sondern für die Kinder da zu sein, wenn es darauf ankommt.
 

Alltag so gut wie möglich aufrechterhalten

Für Luc Zwank kam die Diagnose Speiseröhrenkrebs als großer Schock. Als Vater von zwei Kindern im Alter von vier und zehn Jahren traf ihn die Krankheit besonders hart. „Direkt nach der Diagnose gingen mir sehr viele Sorgen und Fragen durch den Kopf: Was, wenn ich die Krankheit nicht überstehe? Wie bringe ich es den Kindern bei? Was kann ich tun, um sie zu schützen?“

Anfangs entschlossen sich Luc Zwank und seine Frau Sophie, die Kinder nicht einzuweihen, bis mehr Klarheit herrschte. Rückblickend war das für ihn die schlimmste Zeit. „Vor dem Gespräch mit den Kleinen war ich nervös und wusste nicht so recht, wie ich es kindgerecht erklären sollte. Aber es gab auch eine enorme Erleichterung, dass es kein Geheimnis mehr bleibt – das Versteckspiel hatte viel Energie gekostet.” Luc Zwank ist sehr froh, dass er damals das Gespräch mit seinen Kindern suchte und offen mit ihnen kommunizieren konnte. „Wir haben ihnen erklärt, dass ich krank bin, dass es nicht ansteckend ist, dass ich aber manchmal nicht zur Verfügung stehe, weil ich ins Krankenhaus muss oder einfach erschöpft bin.” Kinder würden ohnehin merken, dass etwas vorgeht, so Luc Zwank – deshalb sei es sinnlos, dauerhaft zu verstecken, was sich ohnehin nicht verstecken lässt.

„Das offene Gespräch war rückblickend die größte Erleichterung. Erst als unsere Kinder wussten, was los war, konnten wir die Krankheit gemeinsam als Familie tragen.“

Nach dem Gespräch ging es dem Familienvater vor allem darum, den Alltag so gut wie möglich aufrechtzuerhalten, ohne sich dabei völlig zu verausgaben. „Ich habe immer versucht, die Kinder zur Schule zu bringen oder mit ihnen zu spielen. Wenn ich dazu nicht in der Lage war, habe ich das offen kommuniziert – das war, glaube ich, einfacher für die Kinder und für mich.”

Der Familienalltag muss nicht perfekt sein

Für Luc Zwank wurde wichtig, den Alltag trotz Krebs so gut wie möglich aufrechtzuerhalten.

Entscheidend war nicht, alles wie früher zu schaffen, sondern offen mit den eigenen Grenzen umzugehen und die gemeinsame Zeit bewusst zu nutzen.

Den Alltag trotz Krebs gemeinsam weiterzuleben gab der Familie Halt

Während der Krankheit erhielt die Familie viel Unterstützung von außen – von Familie, Freund*innen und aus der Nachbarschaft. „Dafür war ich sehr dankbar, denn ich hatte natürlich auch Schuldgefühle gegenüber meiner Frau, die auf einmal mehr übernehmen musste. Aber auch hier hat es enorm geholfen, offen zu kommunizieren und die eigenen Grenzen einzugestehen”, erklärt Luc Zwank.

Für seine Frau Sophie ist klar: „Die größte Herausforderung ist sicherlich, alles unter einen Hut zu bekommen und sich selbst dabei nicht zu vergessen.” Zwischen Job, Kinderbetreuung und Unterstützung für ihren Mann war das oft eine schwierige Gratwanderung. Der Fokus liege natürlich auf dem kranken Elternteil, so Sophie Zwank-Maurer, doch auch der gesunde Elternteil kämpft mit der Ausnahmesituation und braucht Unterstützung und Ruhe – die aber oft zu kurz kommen. „Jede wirklich freie Minute, in der man nicht erschöpft zusammenbricht, ist hart erkämpft und meistens von einem schlechten Gewissen begleitet, weil man ja ‚etwas anderes tun müsste.” Für die Familienmutter war es aber ein Segen, dass ihr Mann so offen mit der Krankheit umging und nichts verheimlicht werden musste.

„Wir haben die Krankheit immer als Wir-Aufgabe begriffen”, sagt Luc Zwank. „Unsere Familie wurde zu Team Zwank – für diesen Zusammenhalt und diese gegenseitige Unterstützung bin ich endlos dankbar.”
 

Auch Partner*innen brauchen Unterstützung

Zwischen Familie, Beruf und der Sorge um den erkrankten Menschen geraten die eigenen Bedürfnisse oft in den Hintergrund. Aufgaben neu zu verteilen und einander zu entlasten stärkt den Zusammenhalt.

Aus einer schweren Zeit wurde „Team Zwank“, getragen von Zusammenhalt und gegenseitiger Unterstützung
 

Krebs im Familienalltag

Luc und Sophie Zwank berichten im Video von ihren Erfahrungen