Neues aus der Krebsforschung

Dr. Carole Bauer, Onkologin und Präsidentin der Fondation Cancer, blickt auf den ASCO-Kongress 2021 zurück:

Wie schon im letzten Jahr möchte ich Sie auch dieses Jahr wieder darüber informieren, welche Neuigkeiten aus der Forschung der Kongress der ASCO (American Society of Clinical Oncology) in diesem Jahr bereitgehalten hat. Der ASCO-Kongress ist der größte internationale Kongress für klinische Onkologie weltweit. Es ist nicht ganz einfach, die Ergebnisse mit einfachen Worten zusammenzufassen, ohne dabei allzu unwissenschaftlich zu werden, doch ich will versuchen, die recht komplexen Informationen verständlich darzustellen.
Der ASCO-Kongress 2021 fand – wie schon die Auflage 2020 – leider ausschließlich virtuell statt, und alle Vorträge wurden online gehalten, ohne dass die Referentinnen und Referenten vor Ort waren.

Phase-3-Studien sind im Normalfall die Studien, die der Einführung neuer Medikamente oder Behandlungsmethoden unmittelbar vorausgehen. Bei diesen Studien vergleicht man neue Wirkstoffkombinationen oder neue Medikamente mit aktuell angewandten Therapien. Ist die neue Wirkstoffkombination oder das neue Medikament besser, kann deren oder dessen Erstattungsfähigkeit beantragt werden, und die Fachleute empfehlen eine entsprechende Änderung in der Behandlungspraxis. 

Neues aus der Krebsforschung
Prostatakrebs

Prostatakrebs

Die Studie VISION erbrachte erste umfangreiche Ergebnisse (Phase-3-Studie) hinsichtlich einer neuen radioaktiven Therapie namens 17LU-PSMA-617. Diese Therapie wurde an Patienten mit metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinom und nach dem Scheitern verschiedener Therapielinienerprobt. 17LU-PSMA-617 ist ein Radioligand, der sich an ein Protein bindet, das ausschließlich auf Prostatakarzinomen und in geringerem Maße auf Zellen der Speicheldrüsen vorkommt. Dieses Protein wird mittels PSMA-Pet-Untersuchung nachgewiesen, um festzustellen, wo der Krebs Metastasen ausgebildet hat. Die Behandlung mit 17LU-PSMA-617 ist damit ein sehr gezieltes Therapieverfahren, das ausschließlich Krebszellen des Prostatakarzinoms angreift. Bei der Studie konnte im Zusammenhang mit der Behandlung durch diesen Radioliganden eine signifikant erhöhte Überlebensrate im Vergleich zur Behandlung mit älteren Verfahren, die gegenwärtig als Standardtherapie zum Einsatz kommen, festgestellt werden. Bei den Probanden handelte es sich um Patienten, die zuvor schon massiv mit Antiandrogenen und Chemotherapie behandelt worden waren.

Bei einer weiteren Phase-3-Studie mit dem Titel PEACE-1 wurde die Behandlung metastasierender Prostatakarzinome mittels Chemotherapie als First-Line-Therapie mit der kombinierten Behandlung mittels Chemotherapie und Abirateron als First-Line-Therapie verglichen. Als Studienteilnehmer waren ausschließlich Patienten zugelassen, bei denen bereits eine medikamentöse Kastration erfolgt war. Bei der kombinierten Behandlung mit Abirateron und Chemotherapie verbesserte sich das Überleben ohne Krankheitsfortschritt, d. h. ohne Rückkehr der Krankheit, erheblich (4,5 Jahre statt 2 Jahre). Aktuell sind die Studienergebnisse noch zu neu und konnten darum noch keinen Unterschied hinsichtlich des Gesamtüberlebens zeigen. Auf die Präsentation dieser Ergebnisse folgte eine lebhafte Diskussion. Die Fachleute waren sich nicht einig darüber, ob allein das verbesserte Überleben ohne Krankheitsfortschritt ohne das Vorliegen von Daten zum Gesamtüberleben bereits zur Einführung eines neuen Standards in der Versorgung führen sollte.

Nierenkrebs

Bei Nierenkrebs existiert keine adjuvante Behandlung (d. h. keine präventive Behandlung, die zur Vermeidung von Rezidiven beitragen könnte) für Patient*innen, bei denen nach der Entfernung der Niere die Gefahr eines Rezidivs besteht. Die Studie KEYNOTE-564 ist eine Phase-3-Studie, bei der die Anwendung einer einjährigen postoperativen Immuntherapie (mit Pembrolizumab) mit der Gabe eines Placebos über ein Jahr hinweg verglichen wird. Im Vergleich zum Placebo hat die Behandlung das krankheitsfreie Überleben von Patient*innen, bei denen die Gefahr eines Rückfalls besteht, signifikant und klinisch relevant verlängert. Damit handelt es sich um die erste Studie mit positiven Ergebnissen bei einer solchen Therapie. Aktuell liegen noch keine Ergebnisse hinsichtlich des Gesamtüberlebens vor, und die Therapie kann daher noch nicht als Standardtherapie eingesetzt werden.

 

Blasenkrebs

Bei Blasenkrebs zeigen einige neue Moleküle wie Enfortumab Vedontin (EV) erste sehr ermutigende Ergebnisse.

Neues aus der Krebsforschung
Krebserkrankungen des Verdauungstrakts

Krebserkrankungen des Verdauungstrakts

Bei den Krebserkrankungen des Verdauungstrakts stand die ASCO-Ausgabe 2021 vor allem im Zeichen der Immuntherapie, die zunehmend bei Krebserkrankungen des oberen Gastrointestinaltrakts, d. h. des Magens und der Speiseröhre, sowohl bei Plattenepithelkarzinomen als auch bei Adenokarzinomen eingesetzt wird. Die Phase-3-Studie Checkmate 577 zeigt einen Vorteil für die adjuvante Immuntherapie, d.h. nach Radiochemotherapie und Operation, bei lokalisierten Adenokarzinomen der Speiseröhre und des Magens, und das Verfahren könnte damit neue Standardbehandlung werden. 

Bei einer kleinen Phase-2-Studie konnte ein Vorteil von liposomalem Irinotecan (einem Medikament, das bei Bauchspeicheldrüsenkrebs eingesetzt wird) bei metastasierendem Gallenkrebs mit sehr ermutigenden Ergebnissen nachgewiesen werden.

Gynäkologische Krebserkrankungen

Gebärmutterhalskrebs ist nach wie vor eine schwere Erkrankung, bei der im metastasierenden Stadium nach wie vor wenige Therapieoptionen bestehen. Für Patientinnen mit einem nicht-metastasierendem Gebärmutterhalskarzinom ab Stadium I und höher ist bis dato die Radiochemotherapie die Behandlung der Wahl, doch viele Patientinnen erleiden trotz dieser Behandlung ein Rezidiv.

Bei der ASCO hatte man große Hoffnungen in eine große Phase-3-Studie namens OUTBACK gesetzt, bei der es um die Reduktion des Rückfallrisikos bei Gebärmutterhalskrebs ging. Die Studie wurde im Rahmen einer Plenumssitzung präsentiert. Bei der Studie wurde die Standardbehandlung per Radiochemotherapie mit der Behandlung per Radiochemotherapie und einigen Chemo-Zyklen im Anschluss verglichen. Leider konnte für die Behandlung mit nachfolgender Chemotherapie kein Unterschied hinsichtlich der Ergebnisse festgestellt werden. Folglich hat eine Chemotherapie im Anschluss an die Radiochemotherapie keinen Nutzen.
Dies zeigt, dass bei großen Studien, die über viele Jahre laufen und dem Vergleich neuer Behandlungsverfahren dienen, manchmal kein Nutzen für die Patient*innen gezeigt werden kann, sodass die Studien eingestellt werden.

Im Bereich der Blasenkrebserkrankungen werden aktuell mehrere erfolgversprechende Therapien in Studien überprüft, darunter Anlotinib, Sintilimab und Cemiplimab, und beim ASCO-Kongress wurden einige vorläufige Studien präsentiert.

Gynäkologische Kreberkrankungen

Zu guter Letzt möchte ich Ihnen noch die Ergebnisse der OlympiA-Studie vorstellen, die wohl die wichtigsten des ASCO-Kongresses waren.
Bei dieser großen Studie wurde die Wirksamkeit der Behandlung mit einem PARP-Inhibitor nach der Standardbehandlung als adjuvante Therapie bei Patientinnen mit nachgewiesener BRCA1/2-Mutation und einem HR2-negativen, Hormonrezeptor-positiven Mammakarzinom oder einem triple-negativen Mammakarzinom erprobt. Für die Studienteilnehmerinnen bestand ein sehr hohes Rückfallrisiko. Insgesamt nahmen mehr als 1.800 Patientinnen an der Studie teil. Nach ihrer Standardbehandlung erhielten sie zweimal täglich entweder Olaparib 300 mg oder ein Placebo. Das zentrale Studienkriterium war das krankheitsfreie Überleben. Die Studienergebnisse sind mit einer 42-prozentigen Verringerung des Rückfallrisikos spektakulär. Es ist zwar noch zu früh für endgültige Aussagen, doch es gibt Hinweise darauf, dass sich das Gesamtüberleben bei einer Behandlung mit Olaparib verbessert. Die Toxizität der Behandlung ist natürlich leicht erhöht, doch bei Zugabe eines anderen Medikaments besteht zwischen den Studiengruppen kein Unterschied in der Lebensqualität.
Mit dieser sehr vielversprechenden Studie stehen wir hinsichtlich der Schnelligkeit bei der Durchführung onkogenetischer Tests vor großen Herausforderungen.

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